Interview

Frau M.A. phil. Despina Sivitanides Middelmann ist Wissenschaftlerin am Institut für Mathematik- und Technikdidaktik in Bochum. Neben ihrem intensiven beruflichen Engagement ist sie Mutter eines kleinen Sohnes. Sie selbst ist seit ihrer Jugend an MS erkrankt.

 Frau Sivitanides-Middelmann ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen mit MS zur Seite zu stehen und ihnen im Leben mit der chronischen Erkrankung nachhaltig den Rücken zu stärken. Um dieses Ziel zu erreichen hat sie das BAER-Konzept entwickelt, das in Zusammenarbeit mit dem DMSG-Landesverband umgesetzt werden soll.

BAER steht für „ Barrierefreiheit – Alltagsunterstützung - Erlebnisreichtum - Respekt“.

Ein weiter Bogen. Worum geht es genau?

BAER ist ein Mentoring-Projekt für Kinder und Jugendliche mit juveniler Multipler Sklerose.

Das Ziel dieses Projekts ist es, die Kinder und Jugendlichen in ihrem Alltag langfristig zu unterstützen. Dies soll nach einem individuellen und persönlichen Mentoringplan beispielsweise bei den „Pieks-Hilfen und Tipps“ beginnen und sich über die Aufklärung, die Beantwortung von Fragen aller Art, Begleitung und Beratung bei administrativen Gängen bis zum last but not least Freizeitspaß erstrecken.

BAERs langfristiges Ziel ist, eine fachkundige persönliche Anleitung zur Selbständigkeit

und ein nachhaltiges, greifbares Netzwerk, das individuelle Unterstützung, Aufklärung und Freizeitspaß garantiert, zu bieten.

Die meisten der betroffenen Kinder und Jugendlichen mit der Diagnose juvenile MS empfinden schon zu Beginn ihres Lebens die eigene Kindheit als verloren. Das Leben scheint still zu stehen! Sie sehen sich als verlassene Einzelkämpfer - als Monomachoi (griech.: Gladiator, Einzelkämpfer). Und genau hier setzt das Mentoring-Projekt BAER an: Die jungen Monomachoi sollen nicht mehr alleine kämpfen müssen! Keiner soll auf der Strecke bleiben!

 

Ungewöhnlich in diesem Zusammenhang ist der Aspekt „Respekt“. Muss Respekt für MS-erkrankte Kinder erst erarbeitet werden?

Respekt in BAER steht für ein gemeinsames barrierefreies und respektvolles Erleben, Reflektieren, Mentoring und ebensolchen Freizeitspaß. Nur auf eine respektvolle Weise – sich selbst, seiner Umwelt und allen Beteiligten gegenüber – kann BAER als ein Erfahrungs- und Lernort der transkulturell - inklusiven Gesellschaft gestaltet sowie qualifiziert werden.

Ich selbst habe damals als Jugendliche mit MS immer wieder erlebt, dass die Unsicherheit meiner Umwelt im Umgang mit meiner Erkrankung zu inadäquatem und teilweise respektlosem Verhalten mir und meinen Bedingungen gegenüber geführt hat. Eben das möchte ich ändern und verhindern. Ich will, dass Kinder und Jugendliche mit MS gewappnet sind gegen Respektlosigkeit und anders als ich es musste, mit einem Mentor oder einer Mentorin an ihrer Seite würdevoll und stark durchs Leben gehen können.

 

Was brachte Sie auf den Gedanken, das Projekt BAER gemeinsam mit dem DMSG-LV NRW zu starten?

Wer wäre geeigneter als Projektträger als der Beratungs- und Betreuungsverband DMSG? Und da ich selbst in Dortmund wohne und hier auch meine MS Selbsthilfegruppe ist, über die ich die DMSG-LV NRW genauer kennengelernt habe, habe ich direkt an diese Kooperation gedacht.

Ich bin sehr dankbar darüber, dass der DMSG-LV NRW e.V. ohne zu zögern das Projekt „Baer“ mit so viel Engagement professionell unterstützt. Durch seine Landesgeschäftsstelle mit ihrem hauptamtlichen Team, fast 7.200 Mitglieder und mehr als 700 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit all ihrer Erfahrung, ihrem Herzblut und ihrer Tatkraft kann ich mir keine besseren Startbedingungen für BAER vorstellen.

 

Wen suchen Sie für das Projekt?

Alle Menschen, die BAER zum Tanzen bringen wollen!

Das Mentoringprojekt soll mit der Unterstützung von Kooperationspartnern, durch gemeinsame Veranstaltungen bzw. Seminare für Kinder und Jugendliche erweitert und nachhaltig etabliert werden. Dafür suche ich Menschen, die BAER unterstützen wollen – ob durch Finanz- oder Sachspenden, Veranstaltungsangebote für den Freizeitspaß oder spezifisches Knowhow und Öffentlichkeitsarbeit. Ich freue mich sehr, wenn ich Menschen als Unterstützerinnen und Unterstützer dafür gewinnen kann, „BAER“ umzusetzen, um Kindern und Jugendlichen mit MS die dringend notwendige Hilfe zur Verfügung stellen zu können.

Ich suche Kinder und Jugendliche mit juveniler MS, die bei BAER mitmachen wollen und Menschen, die als Mentorin oder Mentor mit einem Kind oder Jugendlichem mit juveniler MS ein Mentoringtandem bilden wollen. Interessierte potentielle Mentorinnen oder Mentoren werden innerhalb von BAER zum Mentoring qualifiziert, so dass keine Mentoringerfahrung notwendig ist.

Durch die Bereitschaft, als Mentorin beziehungsweise Mentor auch über die Projektzeit hinaus zur Verfügung zu stehen und das Engagement der Kinder und Jugendlichen ist das Projekt nachhaltig für alle Beteiligten. Dieses hohe zivilgesellschaftliche Engagement der potentiellen Mentoren soll als ein Beitrag zur Bewahrung der Philosophie des Projekts verstanden und sogar urkundlich ausgezeichnet werden.

 Gelingen kann es nur gemeinsam - für die Kinder und Jugendlichen und für die Zukunft vieler betroffener Familien!